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Eine Liebeserklärung an die Literatur
zum Welttag des Buches

Beim Eintreten ertönt sanft und unaufdringlich eine Türglocke, der Duft von neuen und alten Büchern schlägt dem Besucher entgegen und in einem schwachen Lichtschein wirbelt etwas Staub auf. Ein kurzer Blick ins Innere des Ladens lässt den Besucher tief durchatmen. Er erkennt schnell, dass er eine Schatztruhe geöffnet hat, dass hier ein stundenlanger Aufenthalt möglich ist. Während draußen der Regen an die Schaufensterscheibe klopft und im grauen Nass die Menschen zur nächsten Bushaltestelle eilen, setzt der Besucher leise und vorsichtig einen Fuß vor den anderen, bereit jederzeit innehalten zu können und das Buch aus dem Regal zu ziehen, das eine Welt für ihn bereit hält. Im hintersten Winkel des Ladens, der sich von Schritt zu Schritt zu einer unendlichen Bibliothek ausgeweitet, mit stetig wachsenden Regalen aus tiefdunklem Nussbaumholz, die sich fast bis zur Decke zogen, flüsterten die Bücher nun hörbar. Es grüßen die Übersetzer der Märchen aus Tausendundeiner Nacht und auch Frankenstein & Mr. Hyde haben hier ein neues Versteck gefunden, während der Golem gerade das Zimmer ohne Zugang betritt. Hier waltet die Macht der Phantasie, in der das Gute wie das Böse heimisch ist. „Wer Abenteuer sucht, findet nicht nur das Angenehme“ ruft Don Quijotte im Vorbeireiten und Staubfinger mit Gwin auf der Schulter nickt bei diesen Worten bestätigend, bevor er sich wieder dem Ende seiner eigenen Geschichte zuwendet, die er doch so fürchtet.

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Zwischen Feder und Tinte stehen Schreibmaschinen und das klackern der Anschläge auf einer Tastatur zeigen, dass hier neue Geschichten und Geheimnisse ihren Weg in die Welt finden. Zwischen hohen Stapeln von Büchern, im Schein einer Bänkerleuchte sitzt der schreibende Autor, fieberhaft, getrieben und berichtet vom Friedhof der vergessenen Bücher. Die Geheimnisse säuseln dem Besucher zu und hier am nächsten Ort, liegt ganz deutlich der Duft von Magie in der Luft. Fawkes fliegt vorbei und „drei nach oben, zwei zur Seite“ öffnet sich das Tor zur Winkelgasse. Doch der Besucher sucht, Schritt für Schritt, weiter. Mysterien, Geheimnisse, verborgene Orte und geisterhafte Gestalten geben sich hier die Hand und der Geschichtenverkäufer schleicht umher. Der Besucher entdeckt geheime Wege, die zu einem Schloss führen, dass es nicht gibt und in der hintersten Ecke, hinter staubigen und modrigen Betttüchern verborgen steht eine Zeitmaschine. Die Bestsellerlisten hängen an den wenigen freien Wänden neben Zeitungsartikeln und aus der Zeit gefallenen Wanduhren, deren Zeiger nun still stehen. Denn im nächsten Gang ruht die Zeit. Hier wird man nie erwachsen und Peter Pan fliegt ins Nimmerland. Er nimmt den Besucher mit, wenn er will. Zu den Piraten, Meerjungfrauen und natürlich zu den Elfen, die einen das Fliegen lehren. Vorbei und schnell weiter zu den Abenteuern, auf ins Getümmel und ein Hoch auf die Schätze, die noch zu entdecken sind. Der Besucher geht gemeinsam mit Jim Hawkins auf die Suche nach ihnen. Doch auf der Suche sind auch andere, die sie unterwegs treffen, wie Emil und Pony Hütchen. Tom und Huck Finn grinsen ihnen im Vorbeigehen zu, sie haben den Schatz bereits gefunden.

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Doch die wichtigste Suche steht noch bevor. Die Bücherregale erzittern und der Besucher geht in Deckung vor herabfallenden Büchern, die beim Aufprall den Staub von Jahrhunderten ausspucken, deren Geschichten verblassen, verschwinden und vergessen werden. Bastian, das schützende Auryn um den Hals, sucht noch, er hört die kindliche Kaiserin wimmern vor dem Nichts, doch er braucht ihren Namen. Der Besucher bangt um die Bibliothek. Die Phantasie ächzt manchmal unter einer unsichtbaren aber ebenso bedrohlichen Last, sie hat Angst zu verschwinden. Er kann sehen, wie sie manchmal zwischen Fieber und Frost zittert. Sie ficht ihren täglichen Kampf mit der Rationalität und der Geistlosigkeit und auch mit der Realität. Doch Traum und Fiktion stehen ihr zur Seite, damit die unendliche Geschichte nie zu Ende geht. Damit die Bücher weiter flüstern, die Buchhandlungen und Bibliotheken zum Verweilen und Entdecken einladen können, damit in den Antiquariaten weiterhin Schatzkisten geöffnet und Schätze gefunden werden, damit die Verlage Rohdiamanten schleifen können und Leser*innen in unentdeckte Welten abtauchen können und die Seele der Bücher erkennen.

Jedes einzelne Buch hat eine Seele. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele derer, die es gelesen und erlebt und von ihm geträumt haben. Jedesmal, wenn ein Buch in andere Hände gelangt, jedesmal, wenn jemand den Blick über die Seiten gleiten lässt, wächst sein Geist und wird stark

Carlos Ruiz Zafón

Euch allen einen schönen Welttag des Buches. Ein Hoch auf die Literatur und die Phantasie.

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Kommentare

Tinka / 17. Januar 2017

Huhu

sehr schön geschrieben dein Text über Bücher! Und das Don Quijote Zitat gefällt mir besonders gut 🙂 Hab deinen Blog gerade eben entdeckt und werde nun hier ein bisschen stöbern, obwohl ich eigentlich lernen sollte, weil ich morgen zwei Prüfungen schreiben muss XD

Lass dir lg da, Tinka vom blog literaturaustausch.blogspot.co.at

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