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Von der perfekten Fassade, vergleichenden Müttern und der Bürde der Ideale

Anke Stelling - Bodentiefe Fenster

In der Auseinandersetzung mit unserer Umwelt werden wir oft mit bestimmten Erwartungen und Rollenvorstellungen durch unsere Mitmenschen konfrontiert. Das Wissen um bestimmte Verhaltensweisen und Normen haben wir zwar verinnerlicht, trotzdem versucht der Einzelne seine Autonomie zu wahren. Jedoch kann dieses Ausbalancieren zwischen Individuation und Integration innerhalb einer kleineren sozialen Gruppe in der man sich bewegt, schwerer werden. Was es heißt zugunsten der perfekten Anpassung seine eigene Identität zu verleugnen, wenn Selbstkontrolle zum höchsten Gut wird und man sein Verhalten und das der Anderen ständig reflektieren muss, was gezwungenermaßen dazu führt, dass man irgendwann durchdreht, erzählt Anke Stelling in ihrem Roman Bodentiefe Fenster.

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Es ist nicht die angenehmste Protagonistin, die Anke Stelling in ihrem Roman zu Wort kommen lässt. Um ehrlich zu sein: sie nervt manchmal etwas. Sandra ist verheiratet, hat zwei Kinder, einen Job und wohnt mit ihrem Mann in einem Mehrgenerationenhaus am Prenzlauer Berg. In diesem Hausprojekt ist das Ziel Offenheit, Entfaltungsmöglichkeiten für jeden und die Freiheit des Einzelnen innerhalb eines friedlichen Miteinanders. Doch hinter dem schönen Schein verbirgt sich nicht nur Neid und Konkurrenz, sondern auch eine Macht, die die Protagonistin beherrscht bis in die letzte Zelle – die Forderung, dass alles immer gut und perfekt sein muss, weil man sonst versagt hat. Leitmotivisch durchzieht den Roman das Paradox vom Wunsch nach absoluter Offenheit und dem Willen alles zu verbergen, was zu einer Scheinexistenz führt. Es gibt für Sandra in ihrer selbstgewählten Theaterrolle keine Rückzugsmöglichkeit, was die titelgebenden bodentiefen Fenster versinnbildlichen, die den Blick in das Leben zu jeder Zeit garantieren.

Wir wissen inzwischen zu viel voneinander und sind gleichzeitig immer noch peinlich genau darauf bedacht, das Bild, das wir von uns selbst haben, gegenüber den anderen aufrechtzuerhalten – was nicht so leicht ist innerhalb der eigenen vier Wände, also sperren wir einander wieder aus.

„My Mother/My Self“

Sandra scheint auf den ersten Blick vorrangig Mutter zu sein, doch eigentlich ist sie in erster Linie Tochter. Eine Tochter, die versucht, die Ideale der 68-er Müttergeneration und die scheinbare Idylle ihrer Kindheit umzusetzen. Sie will, dass ihre Kinder so frei wie möglich sind, dass sie offen mit den Hausbewohnern umgehen kann –  kurz: das alles immer gut ist, dass sich alle immer lieb haben und über alles reden. Die Protagonistin wird dabei jedoch immer wieder mit der erbarmungslosen Realität und ihren eigenen konträr laufenden Bedürfnissen konfrontiert. Sie leidet unter sich, unter der Last der Mütter, unter einer unausgesprochenen Aufgabe die Ideale weiterzuleben, weiterzutragen. Der Roman ist damit auch eine Auseiandersetzung mit der Emanzipationsbewegung und den Grenzen einer antiautoritären Erziehung.

Vielleicht ist es wirklich besser, wir ziehen wieder weg. Weg aus dem Gemeinschaftshaus, weg aus dem Bezirk. Das ist nicht unser Traum, es ist der Traum unserer Mütter, und die sind tot oder in der Klapsmühle, die denken immer noch, dass es sinnvoll sei, mit den Kindern zu diskutieren, wo sie doch allesamt sterben davon. Wo es doch offensichtlich nicht der richtige Weg ist.

Doch anstatt etwas zu ändern, halten die einzelnen Glieder der Kette des Scheins umso fester an ihrer Idee fest und führen bei der Protagonistin zu Selbstzweifeln und Ängsten, die sie auf ihre Mutterschaft projiziert. Sandra ist als Mutter überfordert, dauermüde, kraftlos. Sie ist überzeugt, eine schlechte Mutter zu sein und auch davon überzeugt, dass alle so denken. Ihre Ängste bestimmen ihr Verhalten gegenüber den Kindern. Die Protagonistin analysiert das Verhalten ihrer Mitmenschen permanent. Dabei sind ihre Gedanken jedoch lediglich eine fixe Idee der angeblichen Gedanken der anderen. Doch ab und zu verliert sie ihre Beherrschtheit, bewertet, verurteilt und kritisiert andere Mütter und wird wunderbar sarkastisch. Es ist ihre Strategie, sich selbst als Mutter zu bestätigen – frei nach dem Motto – andere sind viel schlimmer. Das Bewerten und Vergleichen betreibt die Protagonistin mit einer unglaublichen Ausdauer und Disziplin, was für  Leser*innen langweilig werden kann, aber erzähltechnisch konsequent ist.

Anke Stelling zeigt in ihrem Roman schonungslos und böse, dass die Forderung nach absoluter Freiheit und Offenheit für die Protagonistin zur absoluten Gefangenschaft in ihrem Leben wird. Dabei fährt sie ein Repertoire an toten Kindern, wahnhaft-kontrollierenden Eltern, grauenhaften Plena, schrecklichen, schreienden, verwöhnten, verzogenen Kindern und unzähligen Burn-out Müttern auf, dass es einen schmunzeln und gleichzeitig den Atem stocken lässt. Sie entzaubert die Idylle vom Prenzlauer Berg und offenbart die der Perfektion und Harmonie innewohnende Konkurrenz. Und wenn man noch keine Kinder hat, dann überlegt man sich das nach dem Roman dreimal.

Bo will Gummistiefel anziehen, obwohl draußen schon fünfundzwanzig Grad sind und keine Wolke zu sehen ist. Mir könnte das egal sein, aber mir graut vor den Blicken der Erzieherinnen. Ich will nicht, dass sie denken, ich sei so eine, die sich nicht gegen ihren Dreijährigen behaupten kann, eine, die alles mit ihm diskutiert und ihm am Ende selbst entscheiden lässt, was er anzieht, aus Angst, dass er sonst schreit oder tritt oder in seiner freien Entfaltung behindert wird. Ich weiß gar nicht, ob die Erzieherinnen das denken, aber ich weiß, dass ich das denke und solche Angstmütter nicht mehr ertragen kann; sie umzingeln mich, sie machen mich wahnsinnnig; und deshalb packe ich Bo und stopfe ihm unbarmherzig in die Sandalen. Er schreit. „Halt den Mund jetzt“, sage ich und ziehe ihn am Arm die Treppe hinunter.

Der Roman ist durchzogen von inneren Monologen der Protagonistin, die alles deutet, analysiert, hinterfragt. In ihrem Umfeld sagt sie nicht viel. Sie will niemandem auf die Füße treten, also ist sie still, nickt, streitet nicht, bleibt stumm. Sie lebt in permanenter Angst, dass die nach außen aufgebaute Fassade zerbricht und die Anderen die Wahrheit sehen. Nämlich, dass Sandra das Wohnprojekt beginnt zu hassen, manchmal lieber keine Mutter wäre und Angst hat, dass ihre Schwester aus Versehen ihre Kinder tötet. Dinge, die man nicht sagen darf. Deshalb backt sie Zimtwecken, lächelt und weint viel, aber heimlich. Erzählt alles nur ihrem entfremdeten, passiven Ehemann. Bis sie unter der Last des Scheins zusammenbricht.

Der Ton verändert sich dabei zunehmend, die Katastrophen in Sandras Vorstellungen werden extremer, die Versuche der Selbstberuhigung häufiger. Irgendwann wird unklar, ob man der Protagonistin noch Glauben schenken kann oder ob sie beginnt in alltäglichen Handlungen der Anderen Grausamkeiten ihren Kindern gegenüber zu deuten. Gelungen lässt Anke Stelling ihre Protagonistin ihrer schlechter werdenden Verfassung (Müdigkeit, Nervosität, Depression)  entsprechend unzuverlässiger Erzählen. Und dort, wo Sandra schonungslos offen wird, sagt, was sie von der Situation wirklich hält, wird sie bösartig und dort liegt auch die größte Stärke des Romans.

Es ist mir recht, wenn die Nachbarn uns jetzt sehen, mal eine Mutter zu Gesicht kriegen, die ihrem Kind ganz direkt Gewalt antut. Glaubt nicht, dass ihr besser seid, pocht es in meinem Kopf, „Kinder brauchen Grenzen“, „Lob der Disziplin“. Ich werde ihn schlagen, ich werde ihn im Gemeinschaftsraum auspeitschen und den Termin dafür unten ans Schwarze Brett hängen, damit alle kommen und uns zusehen können.

Die Bösartigkeit ist extrem und amüsant zugleich. Wenn sich die Autorin traut, die Erwartungen an eine liebevolle Mutter in ihrer Protagonistin zu dekonstruieren, ist der Roman großartig. Die gewählte Perspektive und die Fokussierung auf die inneren Gedanken führen jedoch zu Redundanz auf Kosten einer wirklichen Handlung. Es macht das Lesen nach und nach anstrengend. Die Protagonistin bleibt einem unglaublich fremd und Anke Stelling lässt ihr keine Chance zur Entwicklung. Man wartet vergeblich darauf, dass sich etwas ändert, dass Sandra beginnt zu handeln. Doch sie backt ihre Zimtwecken weiterhin, genau wie immer.

Eine Leseprobe des Romans gibt es hier.


Wertung

%
Spannung/Unterhaltung
6
Handlung
6
Figurengestaltung
7
Erzählstil/Sprache
7
Gesamtwertung
6.5

Informationen zum Buch

Autor: Stelling, Anke

Genre :

Erscheinungsdatum :

Seitenzahl: 261

Preis: 19,00€

Verlag :

ISBN: 9783957320810

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