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Vom Leben in zwei Welten und dem Geschmack süßer Kirschen im Sommer

Anne Kanis - Nichts als ein Garten

Eines meiner Lieblingsregale in der hiesigen Stadtbibliothek beherbergt ausschließlich die Debütromanene junger Autor*innen. Dort entdeckte ich vor kurzem „Nichts als ein Garten“. Die Autorin Anne Kanis ist eigentlich Schauspielerin und hat sich nun auch an das Schreiben gewagt.

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Hier erzählt die Autorin die Geschichte einer jungen Frau aus Berlin, die sich als Sängerin mit kleinen Aufträgen durchs Leben schlägt. Mit Hilfe einer Agentin singt sie in einem Tanzsaal oder auf verschiedenen Firmenfesten und wird an diesen Abenden mit einer „besseren“ Gesellschaft konfrontiert, während sie selbst zusätzlich in der Rathauskantine arbeiten muss, wo sie billigen Kaffee und Kuchen verkauft, um sich über Wasser zu halten. Die junge Sängerin träumt von einem besseren Leben, wo die Kunst und das Geld keinen Widerspruch mehr darstellen. Aber in der Realität träumt sie sich vor allem auch zurück – in die Welt ihrer Kindheit, in das Leben der DDR und in den Schrebergarten ihrer Familie. Doch wenn sie die Augen wieder öffnet, sieht sie das andere, das neue Berlin von heute. Sieht die veränderten Straßen, die Armut und die gescheiterten DDR-Existenzen. Die Zeit der DDR und die Gedanken an die Wende werden verknüpft mit Erinnerungen an ihre Familie, nicht zuletzt an deren Garten, dessen Wert als Rückzugsort einem beim Lesen nur allzu deutlich bewusst wird. Das subjektive Erleben der Wendezeit, die Ambivalenz zwischen Bewunderung und Ablehnung des Neuen werden dabei genauso zum Thema, wie die Auswirkungen auf einen Menschen, wenn sich die ganze kindliche Lebenswelt verändert.

Die Armut wohnt in der Innenstadt und den Hochhäusern jenseits des Speckgürtels. Dort gibt es Armutsorte, die sind so groß, dass man sie nicht sieht. Siedlungen, mit Armen ganz aufgefüllt. Aber außer ihnen geht nie jemand hin.

Damals, als nach der Wende alle arbeitslos wurden, habe ich gelernt, was der Staat verlangen kann: Ein zierlicher Singvogel muss auch Möbel tragen, ein kluger Rotfuchs zieht den Pflug. Zu dieser Zeit brach täglich irgendwo ein Kosmos in sich zusammen. Ich sah die Arbeitsstellen, die verpufft waren, die Wünsche, Hoffnungen, die Freundschaften und Ehen. So habe ich gelernt, dass gar nichts mehr sicher ist, nur die Familien manchmal.

Im Hier und Jetzt ist die Ich-Erzählerin vor allem eine Suchende. Sie sucht nach dem richtigen, nach dem besseren Leben und ihrem Platz darin. Dazu gehört auch die Suche nach der Liebe. Und so steht sie auch vor einer Entscheidung zwischen dem reichen Museumsdirektor und dem armen „Mittwochsmann“, der nichts besitzt – außer einen Garten. In einem gelungenen Netz aus nostalgischen Rückblicken, Gegenwartsschilderungen und persönlichen Erinnerungen verwebt die Autorin Gegenwart mit Vergangenheit und ein Leben mit einer historischen Wende. Anne Kanis findet dafür in ihrem Roman eine ganz eigene, sehr poetische Sprache. Sie ist das größte Bonbon dieses Romans. Das Spiel mit Worten, ungewöhnliche Komposita und Neologismen lassen Leser*innen tief eintauchen in die Sprache.  Dort, wo der Roman die Veränderungen der Stadt beschreibt oder den Familiengarten bis ins kleinste Detail in der Erinnerung der Protagonistin aufleben lässt, ist meiner Meinung nach besonders gut.

In der Mitte des Wiesenflecks klappert leise ein Häuschen mit den gelben Fensterläden gegen die Wände. Wie Uhrenticken, das übrig geblieben ist aus der Analogzeit. Wie große Herzschläge. Bei gleichmäßigem Luftzug um das schiefe Häuschen gleicht das Klacken dem des Metronoms, aber gut, dass der Luftzug gleichmäßig ist.

Ben hakte mich unter, dozierte und wies mich auf das Alter des Kiezes hin. Recht hatte er, die Bausubstanz war älter als mein Kinderleben. Wegradiert sind trotzdem zwölf Geschäfte. Zwölf Kinderhaltestellen. Meine Hände hatten beim Konsum gehalten, meine Arme beim Altsoffhandel, mein Kopf beim Friseur, meine Ohren beim Zoogeschäft, meine Beine mein Laufmaschenladen, mein Mund beim Süßwarenhändler, meine Neugier beim Rohrinstallateur, mein Verstand beim Zeitungsladen, meine nase bei Rewatex Wäsche, mein Bauch beim Bäcker, meine Augen täglich und mehrmals beim Marionettenschnitzer. Für Ben und all die neuen Leute gibt es andere Haltestellen, mit Kaffeeausschank, an genau denselben Orten der Strecke.

Nun könnte man von einem durch und durch gelungen literarischen Wurf sprechen, doch leider gibt es einen großen Schwachpunkt des Romans in der Figurengestaltung. Die Figuren bleiben blass, sind vollkommen ohne Widersprüche, eindimensional und statisch, ja sie wirken manchmal wie Abziehbilder. Schlägt man das Buch auf, liest man auf der Innenseite des Schutzumschlags die Beschreibung: Ost und West, arm und reich. Geld oder Liebe.  Ja, denkt man sich nach dem Lesen des Buches, das war es dann irgendwie leider auch schon an Inhalt. Denn diese dichotomen Gegenüberstellungen, besonders von arm und reich, durchziehen den Roman und werden zum Charakteristikum der Figuren. Sie sind eben entweder arm oder reich, aus Ost oder West und das war es fast. Die Autorin bleibt einseitig, arbeitet mit Stereotypen und rutscht oft bis ins Klischeehafte. Um es kurz zu machen: Reiche sind schlecht, Arme sind gut, aber eben arm dran, deshalb will die naive Protagonistin einen reichen Mann. So. Und die Menschen aus dem Osten sind alle gut und nett und die aus dem Westen, naja sind eigentlich alle oberflächlich, arrogant und eben „Besserwessi“ und so weiter. 25 Jahre nach der Wende wünscht man sich irgendwie dann doch ein differenzierteres Bild…

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Die Autorin malt ein Bild sozialer Zustände, vergisst aber leider die Grautöne. Die Darstellung hätte mit Hilfe des so oft gelungenen Sprachjonglierens der Autorin so gut sein können, doch dann sagt der reiche Abziehbild-Museumsdirektor natürlich Dinge wie: „Zeit ist Geld“ oder „Einem Bettler Geld geben, ist unnütz“ oder auch „Jeder der will, kann.“, während der arme Krankenpfleger, mit seine alten Leuten durch den Park spaziert und dabei eine abgewetzte Jacke trägt, was als „kein goldenes Geburtslos“ interpretiert wird. Nicht nur hier wirkt die Protagonistin selbst sehr oberflächlich (Ich brauche einen Mann, der mit „Geld gesegnet“ und mir die Geldsorgen abnimmt, auch wenn ich ihn nicht liebe), wird aber gleichzeitig zur „perfekten“ intelligenten, begabten, aber armen Künstlerin stilisiert – auch sie ein Abziehbild ohne Charakter – leider. Die ständige Betonung ihrer Geldprobleme und die extreme Kontrastierung zu den „Reichen“ wiederholen sich in regelmäßigen Abständen, scheinbar gibt es nicht mehr zu sagen. Und spätestens, wenn in einer Restaurantszene der Wein als „flüssiges Gold“ bezeichnet wird und die Protagonistin natürlich nicht weiß, welches Besteck sie jetzt zum Essen des 40 Euro teuren Lachses verwenden muss und schamhaft bei ihrem Gegenüber abguckt, spätestens dann ist man vielleicht doch etwas genervt, fühlt man sich doch als sehe man eine tragische Version von „Plötzlich Prinzessin“.

Ben holte mich mit dem Taxi ab, wir betraten das Restaurant und er half mir aus dem Mantel, umsichtig wie ein wohlerzogener Adliger. Als wir saßen, guckte ich überall hin, um ja nichts falsch zu machen. Abgucken hilft mir, war früher schon oft hilfreich gewesen, weil man sich durch Abgucken unauffälliger anpassen kann als mit entblößenden Fragen.

Zum dritten Glas Wein gab es Suppe, die ich nie bestellt hatte, und ich griff den Löffel ganz außen, weil es der war, den Ben gerade hochnahm.

Er drückte mir das kleinste Messer in die Hand, eins ohne Säge, das man für den Lachs benutzen soll. Von diesem rosa Fisch mit grünen Soßenfäden kostete ich erst ein kleines bisschen, dann aß ich schnell, da es sich als großartiges Fischgericht entpuppte, womit sich mein Magen schnell füllen wollte. Da verging vielleicht eine Minute, bis mein Teller glänzend weiß und leer war. Wenn ich einen Reichen wollte, musste ich mich bemühen die Regeln anzunehmen, die so ein Reichenleben mit sich bringt.

In eine reine schwarz-weiß Malerei verfällt die Autorin leider auch beim zweiten großen Kontrast des Romans: Ost und West. Sehr, vielleicht sogar zu nostalgisch oder besser ostalgisch wird es dann, wenn sie aus ihrer DDR Kindheit erzählt. Denn bis auf das kleine Problemchen mit der Freiheit, war es dort scheinbar perfekt. Die Protagonistin wirft einen kindlich naiven Blick auf ihre Vergangenheit und verklärt besonders die Familie bis ins Unglaubwürdige. Die spätere Konfrontation mit dem Westen wird schließlich zum Kulturschock. Und hier wird es auch unglaubwürdig. Denn natürlich interessiert sich das Mädchen aus dem Osten überhaupt nicht für Mode, sondern tut nur so, weil ihre oberflächlichen West-Mitschülerinnen sich für nichts anderes zu interessieren scheinen. Diese bewerten Menschen nämlich generell nur nach dem Äußerem und lachen über das Ostmädchen, das dem Obdachlosen ein wenig Geld gibt. Ein Bild, das im Roman immer wieder auftaucht. Sie gibt einem Obdachlosen Geld und wird dafür belächelt oder gerügt. Das Haus ihrer Mitschülerin ist übrigens riesig und glänzt, während die kleine elterliche Wohnung staubig und verrümpelt ist. Und in der Schule wird nicht Leistung bewertet, sondern Performance und während das Mädchen aus dem Osten immer alle die Hausaufgaben abschreiben lässt, lässt sie niemand abschreiben. Nett oder menschlich oder einfach eine normale Schülerin ist keiner. Die Menschen aus dem Westen sind zudem recht gönnerhaft, denken nur an Immobilienfinanzierung und als Vertreter einer nun dominanten Kultur überheblich dargestellt. Auch hier keine Grautöne.

Ein schwieriges Fazit. Der Roman lohnt, ob seiner Sprache! Das ist keine Frage. Er lohnt für die Details, für die Beschreibungen des Obst- und Gemüseladens, für die Beschreibung vom Geschmack der Kirschen und auch für den Blick auf ein neues Berlin, indem das Individuum mit stetigen Veränderungen kämpft und sich die Stadt in der neuen Zeit verliert und das Alte verschwindet. Doch man muss dafür Abziehbilder, schwarz-weiß-Malerei und Wiederholungen in Kauf nehmen. Es ist kein differenziertes Bild einer persönlichen Wendegeschichte und auch nur ein blasser Abdruck der heutigen Zeit.


Wertung

%
Spannung/Unterhaltung
6
Handlung
4
Figurengestaltung
3
Erzählstil/Sprache
8
Gesamtwertung
5.3

Informationen zum Buch

Originaltitel: Nichts als ein Garten

Autor: Kanis, Anne

Genre :

Erscheinungsdatum :

Seitenzahl: 208

Preis: 20,00€

Verlag :

ISBN: 978-3-8493-0104-0

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