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Vom Meer, von jugendlichen Idealen und wie man lernt, den Himmel zu lesen.

Christiane Neudecker - Sommernovelle

Es gab so viele Dinge, gegen die man etwas unternehmen musste, manchmal wurde mir davon ganz schwindelig. Die Umweltverschmutzung. Die Armut in der dritten Welt, der Hunger. Das Waldsterben, die Massentierhaltung, die Nazis. Der Treibhauseffekt. Die Atomwaffen, der kalte Krieg. Die Sache mit dem Regenwald. Wo sollte man da anfangen.

Das Gefühl etwas tun zu müssen, nicht alles akzeptieren zu dürfen und etwas verändern zu wollen, ist ein Gefühl, das besonders die Jugend beherrscht und welches leider allzu oft mit den Jahren des Erwachsenwerdens verloren geht. Die oft belächelten Ideale der Jugend, die sich traut Kritik zu üben, Utopien zu leben und aktivistisch zu sein, werden nicht selten von den Erwachsenen belächelt. Christiane Neudecker holt dieses Gefühl der Jugend in ihrem Roman Sommernovelle auf sprachlich schillernde Weise zurück in das eigene Bewusstsein und erzählt gleichzeitig eine wunderschöne Coming of Age Geschichte, die das Herz berührt.

Sommernovelle von Christiane Neudecker

Für die 15-jährige Panda ist die Natur ist ein hohes Gut, Umweltschutz ein klares Ziel. Die Katastrophe von Tschernobyl liegt nur vier Jahre zurück und hat ihr Leben nachhaltig geprägt. Panda fällt es schwer Salat zu essen, ohne an kontaminierten Regen denken zu müssen und dass ihre Eltern gleich zwei Autos besitzen, ist für sie ziemlich beschämend. Ihre Haare sind Henna rot und ihre Sachen schwarz gefärbt, ihr wertvollster Besitz sind ihre schwarzen Doc Martens – sie ist 15. Und als sie in einer Zeitschrift für Naturschutz entdeckt, dass freiwillige Helfer für eine Vogelstation an der Nordsee gesucht werden, ist für sie und ihre Freundin Lotte klar, dass es kein anderes Ferienziel geben kann. Im Frühjahr des Jahres 1989 kommen sie auf einer Insel (vermutlich Sylt) für zwei Wochen an, mit dem festen Vorsatz das Meer vom Müll zu befreien. Die beiden Mädchen lernen auf der Station Vögel zu beobachten, zu kochen, selbstständig zu sein und Führungen zu geben. Als sich Lotte in den Zivi Julian verliebt, kommt es zu einer neuen Situation für die Freundinnen und als schließlich der verschrobene Professor der Vogelstation dem Figurenensemble beitritt, scheint die Idylle zu zerbrechen und Enttäuschungen sind unvermeidbar.

Es passte mir nicht, dass  wir heute noch nichts wirklich Sinnvolles getan hatten. Nachher, beschloss ich, würde ich mit Lotte noch ein paar Vogelarten auswendig lernen. Vielleicht konnten wir auch einen Flyer für unsere Anti-Kriegskampagne entwerfen, die wir in der Schule starten wollten. Oder ein paar Ladenbesitzern, die hier im Winter bestimmt Nerzmäntel verkauften, ins Gewissen reden. Oder endlich mal herausfinden, wann sich bei uns daheim in der Stadt die Antifa-Gruppe traf, von der wir immer gehört hatten.

Die Ich-Erzählerin Panda berichtet aus einer zukünftigen Erwachsenenperspektive rückblickend von diesem Sommer, vermeidet aber Reflexionen aus dieser Zukunft heraus (sie bildet den Rahmen) und bleibt in ihrem Erzählen authentisch. Die Novelle ist auch eine Identitätssuche, die nicht Halt macht vor Naivität, typischen Adoleszensproblemen und dem Unverständnis gegenüber desinteresseierten oder resignierten Erwachsenen. Gekonnt werden auch Rückblicke, Familiengeschichte und Erinnerungen eingebaut, die Panda beschäftigen, Probleme mit denen sie sich auseinandersetzen muss. Die Geschichte ist anderen Coming of Age Romanen nicht unähnlich – zwei Teenager, eine Reise, die erste Liebe, neue Erfahrungen und die Ernüchterung in Hinblick auf die Erwachsenenwelt. Doch es ist die Sprache, welche diese Novelle einzigartig und zu einem Hochgenuss macht. Christiane Neudecker schafft es die Atmosphäre des Sommers und der Nordsee mit der salzigen Luft gekonnt in Bilder einzufangen und die Ästhetik der Natur in Sprache zu verwandeln. Schon die wunderschönen Vogelnamen haben ihre ganz eigene literarische Qualität.

Zielstrebig lief sie vor uns her, sie marschierte über die Deichkrone, spähte Vögel aus, zeigte und Brandgänse, herumtippelnde Sandregenpfeifer, schnatternde Tafelenten, eine auffliegende Gruppe Austernfischer. Vor allem die Möwen hatten es ihr angetan. Heringsmöwe, Silbermöwe, Sturmmöwe, Lachmöwe, Zwerg- und Mantelmöwe – sie wirbelte die Begriffe in unsere Richtung, sprach von Unterschieden, von gelben, braunen, grauen Beinen, von Lockrufen, Balzgesängen, Warnschreien, von Schnabellänge und Brutzeiten, von Flugkurven, Jagdverhalten, Farbschattierungen im Federkleid.

Aber auch Beschreibungen des Meeres, die Suche nach der verschwundenen Wasserstadt Rungholdt und die Beobachtung von Vogelschwärmen, die motivisch die gesamte Erzählung durchziehen wissen zu gefallen. Christiane Neudecker  verbindet auf einzigartige Weise Natur und Literatur, macht Vögel zu Buchstaben, den Himmel zu Seiten und den Spaziergang in den Dünen zu einem literarischen Rätsel. Panda, die selbst eine begeisterte Leserin ist, lernt den Himmel zu lesen und ihre Beobachtungen, ihre Liebe zur Natur werden für Leser*innen lebendig. Sehr gelungen ist auch die intensive, liebevoll beschriebene Freundschaft zwischen Lotte und Panda, die ihre ersten Erfahrungen und die zaghaften Schritte zum Erwachsenwerden gemeinsam bestehen, sich aber auch neu kennenlernen müssen. Die Figuren sind zwar nicht sehr differenziert ausgestaltet, was vorrangig an der Perspektive des Romans liegt und an der erzählten Zeit von knapp zwei Wochen, aber sie sind trotzdem interessant, nicht klischiert und irgendwie besonders. Panda und Lotte mag man als Leser*in sofort, doch auch der liebevoll gestaltete Hiller, der zu einer Art Vaterfigur für Panda wird, ist eine der besonderen Figuren. Die beiden teilen die Liebe zur Literatur und werden Freunde. Er ist es auch, der Panda beibringt den Himmel zu lesen.

Unter meinen geschlossenen Augenliedern verformten sich die Flügelspitzen der Vögel zu Seriphen, die Biegungen der Hälse wurden zu Vokalschwüngen, die Maserungen auf ihrem Gefieder zu Textschraffur. Sie bauschten sich hoch über unseren Köpfen in den Sommerhimmel auf, eine Wolke aus tanzenden Lettern auf klarem blauen Grund.

Falls euch das Buch interessiert, findet ihr hier eine Leseprobe des Verlags


Wertung

%
Spannung/Unterhaltung
8
Handlung
7
Figurengestaltung
7
Erzählstil/Sprache
9
Gesamtwertung
7.8

Informationen zum Buch

Originaltitel: Sommernovelle

Autor: Neudecker, Christiane

Genre :

Erscheinungsdatum :

Seitenzahl: 186

Preis: 16,99€

Verlag :

ISBN: 978-3-630-87459-3

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