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Wenn der Papierflieger eine Windböe nutzt, um der Schwerkraft zu trotzen

Sandra Weihs - Das Grenzenlose Und

Die Frankfurter Verlagsanstalt hat es mir irgendwie angetan und im letzten Jahr oft mein Interesse geweckt. So steht auf meiner „Möchte ich noch lesen – Liste“ noch immer  Das achte Leben – für Brilka von Nino Haratischwili, was letztes Jahr in aller Munde war. Außerdem entdeckte ich auf der Leipziger Buchmesse  2015 den Roman von Julia Wolf Alles ist jetzt und schleiche nun schon seit langer Zeit um den letzten Roman von Christian Frascella – Bet empört sich – herum. Zu viele Bücher, zu wenig Zeit. Aber nun hat mir die Bücher-Weihnachtsfrau im Dezember Sandra Weihs Debütroman Das Grenzenlose Und beschert. Schon bei einer Lesung von Sandra Weihs war ich sehr angetan von dem, was ich hörte. Somit habe ich mich sehr gefreut das Debüt nun im Ganzen zu lesen – und ich wurde nicht enttäuscht.

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Von einer Begegnung mit dem Tod, die das Leben bedeutet

In einem kleinen Fach im Rucksack ganz hinten sind ihre Rasierklingen versteckt. Marie hat sie immer bei sich und tastet danach, wenn sie unsicher wird. Sie beruhigen sie, und wenn es nicht mehr auszuhalten ist und die Erinnerungen sie überwältigen, dann holt sie sie raus. Marie leidet unter der Boderline-Störung, sie ist 18 und hat eigentlich nur einen einzigen Wunsch: Sie möchte sterben. Sandra Weihs, die für ihren Debütroman 2015 mit dem Jürgen Ponto Preis ausgezeichnet wurde, hat einen ungewöhnlichen und sehr emotionalen Roman geschrieben, der daran erinnert,  wie wertvoll das Leben ist.

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Glück ist nicht existent. Das weiß Marie und wenn es jemand behauptet, dann kann sie die These gekonnt bis auf den letzten Krümel widerlegen – bis einem die Welt ziemlich schrecklich vorkommt. Oder, wie Marie sagen würde – so wie sie eben ist! Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch und einem Klinikaufenthalt findet sie sich in einer WG wieder, wo sie mit verschiedenen Patientinnen zusammenlebt und von Sozialarbeiterinnen betreut wird. Wir folgen Marie durch verschiedene Stationen ihres Alltags. In eine Bar, wo sie trinkt und mit Johnny, einem einsamen Sozialarbeiter ab und zu ins Bett geht, zu ihrem eher ungewöhnlichen Therapeuten „Willy“, der witzig ist, aber auch den durchdringenden Freud-Blick hat und schließlich zu Emanuel. Diesen lernt Marie direkt im Vorzimmer ihres Therapeuten kennen und geht, auch auf die Gefahr hin er könne möglicherweise ein Psychopath sein, mit ihm Kaffee – naja eigentlich Schnaps – trinken. Die beiden stellen schnell fest, dass sie ein gemeinsames Ziel verfolgen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Und so beschließen sie, es gemeinsam zu realisieren – gemeinsam zu sterben.

Sandra Weihs findet einen sehr leichten Ton für den Roman, arbeitet viel mit gut gestalteten Dialogen. Ihre Figuren haben Tiefgang und sind wunderbar außergewöhnlichen und charmant.  Von dem todkranken Emanuel, der mit seiner Großmutter – einer ehemaligen Prostituierten – in einem alten Puff lebt, seiner esoterischen Schwester über den sehr verrückten Therapeuten Willy, bis hin zu den Besucherinnen von Maries Stammkneipe.

Jonny freut sich, hebt die Hände und kontrolliert damit Sissis Publikum, weil sie nur dann spricht, wenn alle ihr zuhören. „Still, kleingeistiges Volk! Die Kaiserin möchte etwas sagen.“ Jonny hebt wieder ein volles Schnapsglas, sieht Sissi erwartungsvoll an, torkelt nach hinten. Manfred klammert sich an sein Bier. Amina schmunzelt in Erwartung von Sissis Ansprache. Die wiederum hebt ihr Kinn, nimmt einen Zug von der in den Händen zitternden Zigarette und bläst den Rauch langsam und in Ringen über ihrem strähnig blonden, zu einem dünnen Pferdeschwanz gebundenen Haar aus, legt den Ellenbogen auf dem Tresen ab und spricht in die Leere: „Wenn einer stirbt, er den anderen sie Stimmung verdirbt.“

Es ist kein Selbstmitleid, wenn Marie sagt, dass sie schwierig ist. Die Menschen können mit ihr nur schwer umgehen und auch als Leser*in spürt man oft ihre Probleme. Die Gründe hierfür werden jedoch nicht lang ausgebreitet, sondern kommen immer mal wieder dezent und leise von hinten angeschlichen. Dann wirken sie aber so laut wie die Musik von System of a Down, die Marie hört, um die Erinnerungen und ihre Mutter aus sich rauszuschneiden. Marie sucht nach einem Leben außerhalb der Krankheit, unter der sie leidet, die sie aber auch braucht, um sich ihrer selbst zu versichern. Sie findet in der Welt wie sie ist keinen Platz, sie erträgt sie nicht, leidet unter ihr und genau deshalb will Marie sich ihr entziehen.

Ich glaube nicht an gut und schlecht. Ich glaube, es gibt ein Dazwischen. Es gibt gut UND schlecht. Vor allem das Und gibt es. Und das ist grenzenlos, weil es verbindet, und immer alles ist, weil es das Dazwischen ist und in das Gute und schlechte eindringt und deren Grenzen sprengt, deswegen ist die Welt das grenzenlose Und.

Die Welt ist ein Dazwischen. Mich zerreißt dieses Dazwischen. Für sich selbst muss man wissen, was gut und schlecht ist, um zu erkennen, wo man steht und um ein Ganzes zu bleiben. Aber ich weiß das nicht. Ich bin nicht gut und nicht schlecht. Ich bin das Und.

Sehr gekonnt zeigt Sandra Weihs, die selbst als Sozialarbeiterin mit Jugendlichen arbeitet, wie es im Kopf einer jungen Frau mit großen Problemen aussehen kann, ohne es zu einer langweiligen Akte einer Therapeutin werden zu lassen. Der Roman findet eine gute Balance zwischen todtraurig und witzig, zwischen extrem und ganz normal. Die Sprache ist dementsprechend  mal sarkastisch, mal fast kitschig, mal emotional oder ernst. Als Marie schließlich Emanuel und seine Familie kennenlernt, fühlt sie sich zum ersten Mal irgendwo zugehörig und findet scheinbar ihren Platz. Doch Emanuel ist krank, sehr krank.  Und so ist der Roman auch eine Auseinandersetzung mit dem selbstbestimmten Tod im Angesicht einer Krankheit. Marie lernt in der Konfrontation mit dem Tod etwas Neues über das Leben. Und plötzlich gibt sie nicht auf. Wie ein Papierflieger dem Wind trotzend versucht sie dem Fall zu überwinden und über das Wasser zu gleiten.

Ich rauche meine Zigarette fertig und beobachte dabei den zweiten Flugversuch des Jungen. Der Flieger stürzt sofort in die Tiefe. Gleich holt er den dritten aus der Tasche, der nur langsam an Höhe verlierend über den Kanal gleitet. Der Eifer des Jungen gefällt mir. Er gibt nicht auf. Eine kindlich-unschuldige Hoffnung gefaltet in einem Stück Papier und in den unberechenbaren Wind geschickt.

Eine ganz klare Leseempfehlung!


Wertung

%
Spannung/Unterhaltung
7
Handlung
7
Figurengestaltung
7
Erzählstil/Sprache
7
Gesamtwertung
7

Informationen zum Buch

Originaltitel: Das Grenzenlose Und

Autor: Weihs, Sandra

Genre :

Erscheinungsdatum :

Seitenzahl: 188

Preis: 19,90€

Verlag :

ISBN: 978-3-627-00220-6

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