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Von einer Frau, ihren Erzählungen und einer Biographie

Selma Lagerlöf - Gesammelte Erzählungen

Eine Schriftstellerin, eine Reisende, eine Schwedin, eine Liebende, eine Lehrerin und nicht zuletzt eine Nobelpreisträgerin. Selma Lagerlöf ist eine der wenigen Frauen, die zur sogenannten Weltliteratur gehören und gerät vielleicht doch manchmal in Vergessenheit. Eine Liebeserklärung.

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Denn solange es unterhaltende Bücher gibt, in denen man lesen kann, finde ich, dass weder ich noch sonst jemand unglücklich zu sein braucht.

Nils Holgersson. Ja, die Geschichte des Wichteljungen, der mit den Wildgänsen fliegt, kennt man – wenn nicht aus den Büchern, dann vielleicht aus der bekannten Zeichentrickserie aus den 80er Jahren. Hinter dieser wunderbaren Geschichte steht die Phantasie einer Frau, die ihr Leben lang aus einem scheinbar unerschöpflichen Reichtum an Ideen, Geschichten für Alt und Jung schuf und die heute 187 Jahre alt geworden wäre.

Nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises dieses Jahr, erinnerte man sich auch wieder an die anderen wenigen Frauen, die diese Auszeichnung erhalten haben. Ich persönlich dachte an die erste Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf und als mir kurz darauf eine Sammlung ihrer Erzählungen unter die Nase kam, wurde es prompt zu meiner Abendlektüre.

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Der Band umfasst insgesamt 10 Erzählungen und Legenden unterschiedlicher Länge. Leser*innen treffen hier auf einen sehr mündlichen Ton, der den Eindruck der Volkserzählung und des Sagenhaften verstärkt, die Sprache ist einfach und gleichzeitig sehr poetisch. In der Ausgabe von Fischer Klassik findet sich u.a. die 1905 erstmals erschienene und beliebte Erzählung Das Mädchen vom Moorhof. Diese ist, neben Herrn Arnes Schatz, die längste dieser Sammlung und erzählt die anrührende Geschichte von Helga, die den Vater ihres unehelichen Kindes davor zu bewahren sucht, einen Meineid zu leisten.

Lagerlöf erzählt von persönlichen Schicksalen, tiefem Glauben und starken Charakteren. Aber auch die Natur sowie die Geschichte und die Menschen Schwedens dienen immer wieder als zentraler Stoff und verbinden sich mit fantastischen Begebenheiten und Wesen, wie Trollen, Wichteln, Geistern und Räubern zu wundersamen Geschichten. Die Legenden versammeln meist biblische Motive und Figuren und auch der Glaube selbst spielt immer wieder eine zentrale Rolle. Die Verbindung von Wirklichkeit und Phantastik sowie der Detailreichtum und die stimmungsvollen Landschaftsbeschreibungen sind eine große Stärke dieser Erzählungen und auch ein Merkmal anderer Werke von Lagerlöf. Dies brachte ihr jedoch auch den von der Kritik herablassenden Titel „Märchentante“ („sagotant“) ein. Diese Meinungen kann ich jedoch nicht teilen. Denn trotz des teilweise märchenhaften Stils hat man ein sehr wertvolles Stück Literatur vor sich. Es sind wundervolle Geschichten, die Leser*innen Schweden mit seinen Mythen und Legenden näher bringen und auch kritische und modern anmutende Themen versammeln.

Selma Lagerlöf war eine sehr eindrucksvolle und erstaunliche Persönlichkeit. Mit ihrem interessanten und bewegendem Leben hat sich Holger Wolandt in seiner Biographie über Lagerlöf eingehend auseinandersetzt. Diese Biographie, die dieses Jahr anlässlich des 75. Todestages der Schriftstellerin erschien, ist in seiner Detailliertheit vermutlich das aufschlussreichste Zeugnis, das man derzeit über die Autorin finden kann.

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Holger Wolandt
Selma Lagerlöf. Värmland und die Welt. Eine Biografie.
Verlag Urachhaus, erschienen 25. Februar 2015
Gebunden mit Umschlag. 319 Seiten
ISBN 978-3-8251-7913-7
Euro 22,90

Auch wenn mit ihrem etwas abgehackten Erzählton nicht den Preis für die am besten geschriebene Biographie erhalten wird, ist sie voll von wertvollen Zeugnissen, Notizen, Briefen, usw. Wolandt arbeitete auch mit Tagebüchern der Autorin, weiß diese aber angemessen zu reflektieren und einzuordnen. Die Biographie versucht neben dem Leben der Autorin auch den Zeitgeist Schwedens einzufangen. Mit der Betrachtung der wichtigsten Personen um Selma Lagerlöf und wichtiger historischer Ereignisse bis hin zur Beschreibung einzelner Gebäude und Orte, öffnet sich dem Leser ein anschauliches Bild.

Der Wunsch zu schreiben

Am 20. November 1858 wird im schwedischen Värmland auf dem Gutshof Mårbacka Selma Lagerlöf geboren. Die von Lagerlöf beschriebene Kindheit in dieser Provinz gleicht einem Bilderbuch, auch wenn sie an einem Hüftleiden litt, dass sie zeitweilig gesellschaftlich stark einschränkte. Sie ist umgeben von Geschichten, von Natur und Geborgenheit. Literatur und Geschichten sind von Beginn an ein wichtiges Thema in Selma Lagerlöfs Leben und mit sieben Jahren, nach der Lektüre des Indianerromans „Oceola oder die aufgehende Sonne“ von Thomas Mayne, beschließt das Mädchen Schriftstellerin zu werden. Dieser von vielen Kindern und Jugendlichen gehegte Wunsch, soll sich bei ihr erfüllen. Doch bevor Selma Lagerlöf ihre ersten Schritte als Schriftstellerin geht, lernt sie zunächst den Beruf der Lehrerin. Im Herbst des Jahres 1851 zieht sie nach Stockholm, besteht ein Jahr später schließlich die Aufnahmeprüfung für das Lehrerinnenseminar und beginnt eine 3-jährige Ausbildung.

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1885 tritt sie schließlich eine Stelle als Lehrerin an einer Elementarschule für Mädchen in Landskrona an. Die Arbeit ist die Möglichkeit für Selma Lagerlöf eigenständig und unabhängig zu sein und sich selbst versorgen zu können. Der Wunsch Schriftstellerin zu werden, lässt die junge Frau jedoch nicht los. Nach und nach leidet sie darunter, aufgrund ihrer Arbeit keine Zeit für das Schreiben zu finden. Sie schreibt vorrangig nachts und kommt, so heißt es, nur knapp pünktlich und mit den Händen voller Tinte zum morgendlichen Gebet. Trotz Zeitknappheit lässt sie sich jedoch nicht aufhalten, schreibt Sonette, Gedichte und auch Prosa. Über die Bekanntschaft zu Sophie Adlersparre, eine der wichtigsten Frauen innerhalb der schwedischen Frauenbewegung, veröffentlicht Lagerlöf ihre ersten Gedichte in der Zeitschrift „Dagny“, die jedoch wenig Anklang fanden. Adlersperre rät der jungen Frau Prosa zu schreiben. Kurz darauf reicht Selma Lagerlöf bei einem Preisauschreiben der Zeitschrift „Idun“ die ersten Kapitel ihres Romans „Gösta Berling“ ein und gewinnt den ersten Preis. Daraufhin wird sie von ihrer Mäzenin Sophie Adlersperre finanziell so gefördert, dass sie für ein Jahr vom Lehrerinnendasein entbunden war und Gösta Berling fertig schreiben konnte. Mit diesem ersten Roman feiert Selma Lagerlöf einen Erfolg und wurde zu einer  Schriftstellerin, die von der Kritik wahrgenommen wird.  Diese ist jedoch nicht gänzlich begeistert, ein antifeministischer Ton ist dabei herauszuhören. Sie wurde als „Märchentante“ abgetan und als schreibende Frau nicht immer ernst genommen.

Selma Lagerlöf und die Frauen

Frauen spielen in der Tat eine wichtige Rolle in Selma Lagerlöfs Leben und später auch in ihrem literarischen Schaffen. Im Jahre 1894 lernt die Autorin bei einem Aufenthalt in Stockholm Sophie Elkan kennen und verliebt sich in sie. Die beiden pflegen bis zum Tod Elkans im Jahre 1921 eine intime Freundschaft, die in einem Briefwechsel von 3500 Briefen dokumentiert ist. (Ein kleiner Teil ist in einer edierten Ausgabe in Schweden erschienen.) Ihre erste große Auslandsreise Lagerlöfs nach Italien, sowie auch die für das literarische Schaffen wichtige Orientreise, unternehmen die Frauen zusammen. Hier findet Lagerlöf den Stoff für ihren Roman Jerusalem, der mit einer Auflage von 6000 Exemplaren zum bestverkauften Buch des Jahres 1901 wird.

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Sophie Elkan und Selma Lagerlöf

Doch neben privaten Angelegenheiten beschäftigen Selma Lagerlöf die Frauen auch politisch. Sie nutzt ihren Erfolg und ihre Bekanntheit als Schriftstellerin und setzt sich öffentlich für die Gleichstellung und das Wahlrecht der Frauen ein, was sie auch mit der anderen wichtigen Frau in ihrem Leben Valborg Olander verbindet. So unterstützte sie die Vereinigung, die das Wahlrecht für Frauen forderte und verfasste deren Petition selbst. Besondere Beachtung fand auch die Rede vom Juni 1911 anlässlich der Eröffnung des Internationalen Frauenkongresses, in der sie die stärkere Beteiligung von Frauen im öffentlichen Raum forderte. Im Jahr 1919 wurde schließlich das Frauenwahlrecht in Schweden eingeführt.

Nils Holgersson

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Die Geschichte des Wichteljungen Nils Holgersson ist international bekannt geworden und auch heute noch ein beliebtes Kinderbuch. Konzipiert wurde es von Selma Lagerlöf als Lesebuch für die Schule. 1901 fragte der schwedische Lehrerverband bei Selma Lagerlöf an, ob sie ein Lesebuch schreiben könne. Lagerlöf, die ja selbst jahrelang als Lehrerin gearbeitet hat, erklärt sich  dafür bereit. Nachdem sie einen anderen Roman beendet hat, macht sie sich ans Werk und hat schnell bestimmte Vorstellungen vom Buch.

Ich weiß selbst, dass ich lange nichts über Schweden wusste, außer dem, was eine kurz gefasste Geografie und eine nichts sagende Landkarte mich lehrten. Aber jetzt würde es darum gehen der Karte Leben zu verleihen und sie sozusagen für die Vorstellung der Kleinen mit Wäldern und Seen, Feldern und Wiesen, Dörfern und Schlössern, Höfen und Städten von Ystad bis Haparanda zu füllen.

Der Junge Nils wird in einen Wichtelmann verwandelt, nachdem er einen anderen Wichtel übel mitgespielt hat. Nils ist kein lieber Junge. Die Erziehung der Eltern ist bei ihm gescheitert, die Mutter ist todunglücklich über den bösen Jungen und selbst die Tiere auf dem Hof wissen nur schlechtes über ihn zu erzählen. Nach seiner Verwandlung gerät er durch Zufall mitten in die Reise der Wildgänse und auf dem Rücken der Hofgans Martin reist Nils durch Schweden und erlebt diverse Abenteuer. Auf dieser Reise wird der Junge natürlich geläutert. Er wird zum Freund und Beschützer der Tiere und stellt fest, dass sie den Menschen gar nicht so unähnlich sind. Das Tier wird hier zum ebenso fühlenden, emotionalen und moralischen Wesen wie der Mensch erklärt.

Nach seinem Erscheinen war, trotz einiger Kritik und sogar  einem Verbot des Buches in einer Schule aufgrund seiner angeblichen Gefahr für die Kinder, der Erfolg durchschlagend. Der erste schwedische Kinder und Jugendliteraturpreis wurde nach dem Werk benannt und wird bis heute vergeben.

Die erste Preisträgerin des Nils Holgersson Preises war übrigens Astrid Lindgren, welche den Preis im Jahre 1950 erhielt.

Bis heute ist Nils Holgerssons Reise sehr beliebt, was vermutlich nicht zuletzt an der japanischen Fernsehserie aus den 80er Jahren liegt. Wer dem kleinen Wichtel auf seinen Reisen begleiten will und einen E-Reader besitzt, kann ihn sich hier bei dem allseits beliebten Gutenberg-Projekt kostenlos herunterladen.

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1909 erhält Selma Lagerlöf für ihr literarisches Schaffen als erste Frau den Nobelpreis für Literatur. 1914 wurde sie ebenfalls als erste Frau in die Schwedische Akademie gewählt, die den Nobelpreisträger wählen. Ein Blick in das Leben dieser Frau und den einen oder anderen Roman lohnt sich. Eine Leseempfehlung!


Wertung

%
Spannung/Unterhaltung
8
Handlung
7
Figurengestaltung
8
Erzählstil/Sprache
8
Gesamtwertung
7.8

Informationen zum Buch

Autor: Lagerlöf, Selma

Genre : ,

Erscheinungsdatum :

Seitenzahl: 260

Preis: 7,00€

Verlag :

ISBN: 978-3-596-90383-2

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